Jugend

Jugendarbeit im Gespräch

Zurück zur Natur

Mit "zurück zur Natur" möchte ich mich nicht zum zur aufklärerischen Pädagogik eines J.J.Rousseau bekennen, sondern von positiven Erfahrungen in der kirchlichen Jugendarbeit berichten. Immer wieder beklagen wir den konsumorientierten Egotrip in unserer Gesellschaft und dass sich die Menschen nicht mehr füreinander interessieren. Wir sehen es mit Sorge, dass sich das Leben der meisten Jugendlichen zwischen Computer, Fernseher und Partys abzuspielen scheint ohne dass sie Verantwortung füreinander oder für irgendetwas übernehmen wollen. Frustriert haben viele Lehrer die klassischen Wandertage abgeschafft und unternehmen stattdessen mit ihren Schülern Ausflüge in irgendwelche Städte mit Unterhaltungs- und Konsumprogramm. 20-30 Euro für Fahrkarte, Kinokarte und Fastfoodrestaurantbesuch haben die Eltern regelmäßig für so einen neudefinierten Wandertag zu berappen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich auch hier lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Freizeiten mit wenig Konsummöglichkeiten, dafür aber mit viel Möglichkeiten sich in der Gruppe zu erleben, haben erstaunliche Ergebnisse auf der Zufriedenheitsskala der Jugendlichen erzielt. Eine herausragende Freizeit war in diesem Zusammenhang sicherlich der Aufenthalt in einem abgelegenen Kloster in Italien ohne Strom und fließendes Wasser im letzten Jahr. Die gemeinsamen Arbeiten, die zu erledigen waren, um die elementaren Lebensbedingungen sicher zu stellen, wie Brot backen und Trinkwasser holen, haben die Gruppe zusammengeschweißt. Doch es muss gar nicht immer so weit sein. Traditionell finden die Bezirksjugendtage für die Neukonfirmierten in Hessen-Nord in Bergheim an der Eder statt. Neben Andachten, Jugendgottesdienst und einer kleinen thematischen Einheit geht es um das Erleben des Elementes Wasser. Entweder in Kanus auf der Eder oder in Segelbooten auf dem Edersee ist Teamgeist gefordert. Ich bin immer wieder froh, wenn ich mit ansehen kann, dass unsere oft als "Konsumjunkies" gescholtenen Jugendlichen so viel Freude aneinander und an der Natur haben. Vielleicht eröffnen wir Erwachsenen ihnen zu wenig Räume, die Natur zu erfahren oder wie kapitulieren zu schnell bei voreiligen Unmutsäußerungen. Ich freue mich schon auf die Kinderfreizeit in diesem Jahr, die mitten im Wald stattfinden wird. Dreißig Kinder werden unter Anleitung die Speisen selbst am offenen Feuer zubereiteten und gesichert durch die anderen auf hohe Bäume klettern. Ich bin ganz zuversichtlich, dass die Kinder ihre Handys und Computerspiele dabei nicht vermissen werden. Vielleicht werden einige von ihnen überrascht sein, dass sie selbst noch etwas können mit ihren eigenen Händen und Fußen, wenn sie es sonst in der virtuellen Welt nur noch gewohnt sind, dass irgendwelche Figuren auf Knopfdruck funktionieren. Auch das Jugendfestival der SELK im Vogelsberg steht in diesem Jahr unter dem Motto "Natur pur". Der Zeltplatz im Wald bietet dort ein geeignetes Ambiente, die Schöpfung Gottes in verschiedenen Workshops von unterschiedlicher Perspektive aus kennen und vielleicht auch lieben zu lernen.

Ich möchte allen, die mit hauptamtlich, ehrenamtlich und als Eltern und Großeltern mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Mut machen, Kinder an die Natur heranzuführen. Die technische, mediale und virtuelle Welt, in der unsere Kinder und Jugendlichen so gefangen zu sein scheinen und die ihre Werte unserer Meinung nach oft so negativ beeinflussen, ist von Erwachsenen gemacht, um damit viel Geld zu verdienen. Wir sollten es nicht beim Gejammer über dieses neuzeitliche Unheil belassen, sondern versuchen gegen den Strom zu schwimmen und unseren Nachwuchs immer wieder mit der Natur vertraut zu machen. Gewiss werden wir nicht alle damit erreichen, das wäre auch ein unrealistischer Anspruch. Aber die, die sich auf Naturerlebnisse in der Gruppe einlassen, werden Segen daraus ernten. Und dann kann es geschehen, dass ein altes Bibelwort auf einmal eine eigene Erfahrung wird, die aus dem Herzen kommt: "Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet." Und der Liedvers, in der Gruppe am Lagerfeuer oder in der untergehenden Sonne auf einem Berg gesungen, wird mit persönlichem Erleben verbunden: "Herr, ich sehe deine Welt, das weite Himmelszelt, die Wunder deiner Schöpfung. Alles das hast du gemacht, den Tag und auch die Nacht; ich danke dir dafür. Berge, Flüsse und die Seen, die Täler und die Höhn sind Zeichen deiner Liebe. Sonne, Wolken, Sand und Meer, die loben dich so sehr, sie preisen deine Macht."

(Uwe Fischer in "Lutherische Kirche" 10/2002)